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Vernunft und Glaube, das ungleiche Geschwisterpaar
Mein Vortrag in der Reihe
„Evensong″ - eine Kulturaktivität der Kirche St. Anton Zürich.
4. Juni 2009
Christlicher Glaube und kritische Vernunft: Was dürfen wir hoffen?
Unter einem „vernünftigen″ Menschen verstehe ich einen solchen, der sich darum bemüht, zu einer bestimmten Frage (oder einem bestimmten Problem) möglichst viele Einfälle zu suchen - pro und contra; der diese Überlegungen dann miteinander abwägt und sein Verhalten am Besserbegründeten orientiert. Vernünftiges Verhalten schließt also die Suche nach Wahrheit ein, aber sie bedeutet nicht, dass dasjenige, was mir zu einem bestimmten Zeitpunkt als wahr erscheint, auch tatsächlich wahr ist. So können, beispielsweise vor einigen Jahrzehnten viele ärztliche Diagnosen vernünftig gewesen sein, die sich heute - vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse - als falsch erwiesen haben. Dazu gibt es Beispiele. Soll man nach der Operation einer bestimmten Krebserkrankung Chemotherapie einsetzen oder nicht? Soll man das Risiko einer komplizierten Knieoperation eingehen oder nicht? Nicht nur im Medizinischen auch in der Pädagogik stellen sich viele Fragen: Ab welchem Alter gibt man Kindern wie viel Freiheiten? In zwischenmenschlichen Beziehungen stellt sich manchmal auch die Frage: Soll man seinem Partner etwas sagen, das ihn belasten würde oder sagt man es nicht? Bei allen Beispielen gibt es Argumente dafür und dagegen. Und was z.B. vor fünf Jahren eindeutig mit „Ja″ beantwortet wurde, das wird heute vielleicht mit einem „Ja, aber″, bzw. „eher nein″ beantwortet. Zur Vernunft gehört also ein Wissen und dass ich, wenn ich handeln muss, Gründe dafür oder dagegen suche.
„Glauben″ bedeutet dagegen, dass ich etwas für wahr halte, was ich nicht weiss. Ich weiss nicht, ob es Gott gibt. Ich weiss nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Man weiss nicht, ob der Andere einem wohlwollend gegenübersteht. Ich weiss nicht, wie ich unter Bedingungen der Not handeln würde. Wir sagen dann, dass wir glauben. Entweder wir sagen, dass wir an Gott glauben. Oder wir sagen, dass wir an ein Jenseits glauben. Oder wir sagen, dass wir dem Andern glauben, dass er uns annimmt so wie wir sind. Oder wir sagen, dass wir glauben, dass wir uns unter schwierigen Bedingungen ethisch gut verhalten würden.
Also: Bei der Vernunft berufen wir uns auf das Wissen und wir wägen ab, nachdem wir über Gründe nachgedacht haben. Beim Glauben verfügen wir über kein Wissen, sondern haben uns eine Meinung, eine Vorstellung, ein Weltbild, eine Utopie zugelegt.
Aber halt! Berufen wir uns nicht auf etwas Gemeinsames, egal ob wir uns im Bereich des Vernünftigen oder des Glaubens bewegen? Dies mag uns ja gar nicht bewusst sein. Aber es ist die Hoffnung!
Haben wir uns z.B. nach einer Operation in vernünftiger Weise gegen eine Chemotherapie entschieden, dann geschieht dies in der Hoffnung, dass wir uns unnötiges Leid ersparen und unsere Lebenschancen nicht schlechter sind als mit der Chemotherapie. Oder haben wir uns beispielsweise gegen die Knieoperation entschieden, dann machen wir dies mit dem Gefühl der Hoffnung, dass uns eine alternative Behandlung dieselbe Lebensqualität bringen wird. Oder in der Pädagogik: Geben wir einem jungen Kind nicht die Freiheit zum unbeschränkten Game boy spielen, dann geschieht dies in der Hoffnung, dass sich beim Kind andere Interessen wie z.B. Lesen und Musizieren entwickeln können. Oder in der zwischenmenschlichen Beziehung: Man entscheidet sich dafür etwas zu sagen und hegt dabei die Hoffnung, dass es nach einigen Auseinandersetzungen die Beziehung vertieft.
Und beim Glauben?
Da funktionieren wir doch ebenso! Wenn wir an die Existenz Gottes glauben, dann geschieht dies in der Hoffnung darauf, dass wir einst in irgendeiner Weise bei Gott geborgen sein werden. Der Glaube an ein Jenseits kann mit mannigfacher Hoffnung verknüpft sein, die subjektiv gefärbt ist. Es kann sein, das die Vorstellung des Jenseits für das hiesige Leben gewisse Richtlinien gibt. Es kann auch sein, dass man die Hoffung des Wiedersehens mit geliebten Menschen verbindet. Bei der Frage, ob der Andere einem wohlwollend gegenübersteht, geraten wir in ein Feld der Entscheidung. Ich erlebe immer wieder Menschen in der Psychotherapie, die beharrlich am Bild und dem Gefühl festhalten, dass der Andere sie in ihrem Anliegen nicht verstehen würde, sie abwerten, lächerlich und dumm finden würde. Es sind meist Personen, die ihrerseits Andere nach sehr rigiden Kriterien beurteilen und auch verurteilen. Es sind Menschen ohne Hoffnung, so könnte man sagen, sie haben irgendwann resigniert und wissen nicht mehr, wann und warum dies passiert ist. Auch bei der Vorstellung jemand von uns würde in eine sehr schwierige Situation geraten, z.B. in einem Flüchtlingslager leben, wo Menschen unter unwürdigen Zuständen hungernd und der Willkür der Lagerleitung ausgesetzt sind. Was glauben wir von uns, wie wir uns verhalten würden? Dietrich Bonhoeffer hat es uns vorgelebt; er hat im KZ seine Hoffnung nicht verloren; er wusste sich in seinem Glauben an Gott geborgen und setzte sich unter widrigsten, lebensbedrohenden Umständen für Gerechtigkeit und Menschlichkeit ein.
Sie sehen, dass Vernunft und Glauben durch die Hoffnung miteinander verbunden sind. Wenn wir vernünftig handeln, dann hegen wir ebenso Hoffnung bei unserem Tun wie wenn wir etwas glauben und danach handeln.
Dieser Gedanke ist übrigens nicht neu. Er stammt von Kant, dem Philosophen der Aufklärung. Er stellte drei zentrale Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Ich knüpfe hier an die dritte Frage an. Was darf ich hoffen? Diese Frage ist auf unsere diesseitige Welt bezogen; es ist die Frage nach einem gewaltfreien Zusammenleben und einem ewigen Frieden. „Was darf ich hoffen″ ist aber auch auf ein Jenseits bezogen: Ist die Seele unsterblich?
Ja, auf was dürfen wir in unserem Leben hoffen? Was erhoffen Sie sich von Ihrem Leben? Haben Sie sich dies schon einmal bewusst überlegt? Es gibt verschiedene Hoffnungen, die das Leben leiten können. Z.B. möchte man ohne schwerere Krankheiten durchs Leben kommen. Oder einen interessanten Beruf ausüben. Oder Erkenntnisse und Wissen ansammeln. Oder viel Geld verdienen und materiell abgesichert sein. Oder eine Familie gründen. Oder alles zusammen. Als ich unseren damals 9jährigen Sohn fragte, was er sich erhoffe, meinte er, dass er König sein wolle, damit alle anderen ihn bedienen und er wie im Schlaraffenland leben könne. Hoffnungen wandeln sich mit der Erfahrung und Reife eines Menschen. Menschen kommen zu mir in Psychotherapie mit der Hoffnung, dass sich ihre Probleme z.B. in der Partnerschaft irgendwie umgehen liessen oder dass sie finden, nur der Partner müsse sich ändern oder nur das Symptom müsse verschwinden. Im Laufe der Gespräche kann sich diese Vorstellung wandeln und die Hoffnung bezieht sich dann darauf, sich selbst besser kennen zu lernen und tiefer mit dem Leben vertraut zu werden.
Wenn Sie an die letzte Woche denken: Worauf richteten sich Ihre Hoffnungen?
Hoffnungen werden in Utopien und Science fiction sichtbar. Ich lade Sie ein, weiterhin meinen Gedanken zu folgen und sich dann im Anschluss daran Ihre eigene Utopien bewusst zu machen oder zu entwickeln.
Der englische Humanist und Politiker Thomas Morus (1478 - 1535) verpackt sein Denken und seine Botschaft im 15. Jahrhundert in einer Utopie. Sein Buch heisst: ″Von der besten Staatsverfassung und der neuen Insel Utopia″. Utopia bedeutet: Nicht-Ort, ein Nirgendsland. Morus gibt es als Reisebericht aus, den ihm ein Seemann, der in Utopia war, von diesem Inselstaat gegeben haben soll. Viele Zeitgenossen glaubten, dass es sich dabei um die Beschreibung eines existenten Staates handle. Was den Bericht über Utopia so glaubwürdig machte, war, dass er von einer Welt erzählte, in der nur das Vernünftige existierte und das alles, was den Menschen in ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit als unvernünftig erschien, nicht existierte. Unvernünftig erschienen in England damals z.B. die vielen Kriege, ein drakonisches Strafrecht, die wachsende Steuerlast, eine Verelendung des Bürger- und Bauerntums und die wachsende Kriminalität. Um diese Probleme nicht entstehen zu lassen, sollte es in Utopia eine klassenlose Gesellschaft geben, in der Bildung allen zugänglich ist und in Glaubensfragen Toleranz geübt wird. Wenn nämlich alle alles teilen würden und gleich viel hätten, dann müsste nicht um materielle Güter gekämpft werden, alle würden gleich viel abgeben, damit auch schwache oder kranke Menschen das gleiche Leben führen könnten. Die Familien wären patriarchalisch geordnet, während die Behörden streng demokratisch gewählt würden. Und es gäbe nur wenige und überdies leicht auslegbare Gesetze. Utopia würde den ewigen Frieden garantieren. Man glaubte diese Geschichte, weil man hoffte, dass es eine gewaltfreie Gesellschaft gäbe.
Hoffnungen gibt es nicht nur in Hinblick auf das sozial-politische Leben sondern auch auf Freiheit, auf Gott und aufs Jenseits. Wir hoffen, dass wir frei sind, und finden es bestätigt darin, dass wir eine gewisse Willens- und Entscheidungsfreiheit kennen. Wir hoffen, dass es Gott gibt. Mit dem ″wir″ meine ich eine Persönlichkeit, die sich positiv im philosophisch-christlichen Gedankengut verankert fühlt. Ebenso hoffen wir, dass es ein Jenseits gibt. Dies ist mit dem Begriff der Seele verknüpft. Aristoteles z.B. geht davon aus, dass ein Teil der Seele, eben der unpersönlich-übersinnliche Teil der Seele, ins Jenseits gehen würde. Der christliche Glaube vertritt die Vorstellung, dass wir in irgendeiner Weise mit Gott vereint sein werden. Hinduismus und Buddhismus glauben an eine Wiederkehr von etwas, an eine Aufgabe, einen Durchlauf oder eine Art Läuterung des Menschlichen. Alle Kulturen haben Vorstellungen von einem wie auch immer gearteten Weiterleben nach dem Tod entwickelt.
Warum brauchen wir Hoffnung?
Schauen wir uns die Welt von Orwell an. Im Roman ″1984″ wird eine Welt gezeichnet, in der es keine Hoffnung gibt. Alles ist reglementiert und überwacht. Es heisst zwar, dass es zum Wohle des Einzelnen ist, aber das Individuelle, was Lebendigkeit verspricht, ist ausgelöscht. Frieden auf Kosten des Lebendigen? Die Gefühle und das subjektive Moment werden unterdrückt und fehlen - so lange bis ganz etwas Spezielles eintritt. Zwei Menschen verlieben sich und lieben einander. Ähnliches kommt im Film Wall-E zur Sprache. Die Menschen, seit 700 Jahren im Weltall auf einer Weltraumstation, weil die Erde durch Verschmutzung unbewohnbar geworden ist, langweilen sich mit ihren Unterhaltungsprogrammen zu Tode. Ihre Füsse sind degeneriert, weil sie sie nicht mehr gebraucht haben. Da kommt eine Roboterdame zur Weltraumstation mit einem grünen Pflänzchen von der Erde zurück. Wall-E, der kleine Müllbeseitigungsroboter von der Erde ist der Roboterdame ins Weltall gefolgt. Er hatte ihr die lebendige Pflanze geschenkt. Hoffnung wird bei den Menschen wach, und sie wollen zur Erde zurück fliegen. Übrigens ähnlich wie die Taube, die Noah von der Arche ausschickt. Mit ihrem grünen Zweig, beweist sie, dass es Teile der Erde gibt, die nicht mehr unter Wasser stehen sondern bewohnbar geworden sind. Noah und alle Lebewesen schöpfen Hoffnung.
Wird die Hoffnung allerdings zu einem Fortschrittsglauben, dann verliert sie ihr Mysterium. Wenn wir meinen, der Fortschritt müsse sich einstellen und er sei erzwingbar, dann geht eine Qualität verloren. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger distanziert sich ironisch von diesem Denken in seiner Komödie „Der Untergang der Titanic″ (1978). Die Titanic, das grösste Passagierschiff, ein Inbegriff der technisch-imperialen Sicherheit, kollidierte wegen menschlichem Unverstand 1912 mit einem Eisberg und versank gut zwei Stunden später, wobei ¾ der ca. 2200 Menschen ertranken. Wie dies geschieht, das beschreibt Enzensberger aus verschiedenen Perspektiven heraus. Ein Maler versucht etwa, das Un-glück und gleichzeitig den Weltuntergang zu malen. Ein Schriftsteller will über den Untergang der Titanic ein Werk verfassen. Die Texte sind in einem zynischen und ironischen Ton gehalten. Der nahende Tod wird beispielsweise auf folgende Weise kommentiert: „Wer ertrinkt schon gern, noch dazu bei minus zwei Grad?″ Und im Zusammenhang mit dem unfreiwilligen Überbordgehen heißt es: „Bitte nach Ihnen: Grüß die Kinder. Erkälte dich nicht″. Der Grundsatz, nach dem Frauen und Kinder zuerst gerettet werden sollen, wird mit dem Satz ironisiert: „We are prepared to go down like gentlemen″. Schließlich werden sogar Schlager zitiert: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern″. Und das Fazit „Wir sitzen alle im selben Boot. Doch: Wer arm ist, geht schneller unter″.
Gerade diese bissige Kritik verweist auf die Hoffnung, dass es anders sein sollte. Es fordert einen zum Weiterdenken heraus. Zum Weiterdenken und Handeln. Aus Hoffnung heraus und auf Hoffnung hin - so könnte man sagen, lässt sich glauben und vernünftig handeln. Ich komme zum Schluss: Was dürfen wir hoffen? Wir dürfen hoffen, dass Ironie, Zynismus, Gewalt und Zerstörung nicht das letzte Wort haben. Glaube und Vernunft lassen es als sinnvoll erscheinen, dass sich der Mensch über sein privates Leben hinaus engagiert.
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