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Wie sieht die Frau den Mann von heute?
Falls Sie ein Mann sind, dann stellen Sie sich vor, dass Sie eine Frau wären und am Hauptbahnhof von Zürich stehen würden. Es ist frühmorgens und Sie stehen einfach da und schauen als teilnehmende Beobachterin zu. Soeben fährt ein ICE ein. Eine grosse Menschenmenge quillt aus den Türen, ergiesst sich in die Bahnhofshalle und verläuft sich in alle Richtungen. Herren im Nadelstreifenanzug hasten vorbei, in einer Hand den Aktenkoffer. Leger gekleidete Männer unterschiedlichsten Alters, allein oder in Gruppen, reden oder schweigend, gehen zielstrebig vorbei. Damen, älteren und jüngeren Alters, bewegen sich ebenso zielstrebig den Ausgängen zu. Inzwischen stehen auch die Kontrolleure neben der Zugspitze und der Lokomotivführer verlässt seine Kabine.
Da kommt eine Frau vorbei, nennen wir sie Anna, der Sie Ihr Anliegen schildern. Sie sprechen sie an und fragen: „Was glauben Sie, wie sich die Männer untereinander wahrnehmen?“ „Sie vergleichen sich“, versichert Anna Ihnen spontan, „das geben sie aber nicht offen zu. Sie vergleichen sich angesichts ihres Aussehens und haben Phantasien über die gesellschaftliche Position, dem Einkommen, das Auto, das sie fahren, die Ferien, die sie sich leisten und nicht zuletzt auch über die Partnerin oder die Familie, die sie haben. Sie wägen ihre Sprache ab und lassen den Anderen spüren, ob er akzeptiert ist oder nicht. Dabei praktizieren sie eine unsichtbare Gruppenzusammengehörigkeit. Mir scheint“, so fährt Anna fort, „dass Männer ihren Beruf wichtiger nehmen, als sie dies zugeben, und auch die Politik spielt für sie eine grosse Rolle. Dort, so finde ich, sollten sie sich mehr für Demokratie und Frauenförderung, für Arbeitsstellen für Jugendliche und für den Weltfrieden einsetzen!“ Eine andere Frau, die sich als Barbara vorstellt, ist stehen geblieben und sagt: „Ich habe euch zugehört und muss widersprechen! Was sollen die armen Männer nicht sonst noch alles leisten?! Sie sind ja bereits total überlastet. Damals als mein Vater in seiner Firma eine jüngere Chefin vor die Nase gesetzt bekam, konnte er eine Zeitlang nicht mehr schlafen und richtig essen. Einen Mann als Vorgesetzen, ja, das war er gewöhnt, aber eine Frau, die ihm leider nicht besonders sympathisch war, damit hatte er grosse Mühe. Er sagte es niemandem, jedenfalls nicht in der Familie. Ich konnte es nur aus seinen Andeutungen erahnen. Irgendwie weckte die Chefin in ihm Vorstellungen, die ihm Angst machten.“ Eine dritte Frau, die Clara heisst, kommt hinzu und meint: „Genau das ist es doch! Die Männer erzählen nicht, was in ihnen drinnen passiert. Sie meinen, was sich nicht erklären lässt, darüber müsse man schweigen.“ Es entsteht eine Pause. „Und dabei wollen sie bloss die Macht behalten“, fährt Clara fort, „entweder in der Pose des Softies der 70er und 80er Jahre, des Machos der 90er Jahre und des Anfangs von 2000. Sie wollen alles im Griff haben, nach wie vor. Entweder durchs Geld oder durch Beziehungen. Schaut euch doch den Körperkult der Männer an! Mit dem Wunsch nach Gesundheit lassen sich die triefenden und schwitzenden Muskelpakete in den Fitness-Studios nicht erklären.“ „Männer haben ihre Lust vielleicht neu entdeckt“, meint Barbara, „aber vielleicht sind sie auch verunsichert. Sie sind eben nicht mehr die Helden, wie es unsere Grossväter oder unsere Väter vielleicht noch waren. Heute zieht eine Frau aus dem gemeinsamen Haushalt aus, wenn sich die Konflikte nicht besprechen oder regeln lassen. Das erschüttert doch jeden Mann in seinem Selbstverständnis.“ „Ach“, mischt sich eine vierte Frau ein, „die meisten Männer sind so von ihrer Männlichkeit überzeugt. Sie schauen den Frauen nach und stellen sich bei denjenigen, die ihnen gefallen, vor, wie es sexuell mit ihnen wäre. So verkraften sie es auch, wenn ihre Frau aus dem Haushalt auszieht. Nach einer Weile suchen sie sich wieder eine neue Frau.“ „Und wie steht es um den Neuen Mann?“, fragen Sie zögernd nach einer Weile in die Runde. Clara hebt die Schultern hoch und lässt sie wieder fallen: „Weit und breit noch keinen gesehen!“ „Das ist nicht wahr“, widerspricht Barbara ihr, „einzelne Männer versuchen sehr wohl ihren Partnerinnen entgegenzukommen und empfinden die Hausarbeit und die Arbeit mit ihren Kindern als eine wertvolle Erfahrung. Anna schaut versonnen in die Gegend und ihr Blick bleibt an einem Mann hängen, der in gebührendem Abstand von der Frauengruppe stehen geblieben ist und der sich nun zögernd nähert. Er sagt: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche. Mich interessiert es, was Sie diskutieren. Leider ist es für uns Männer seit den 70er Jahren nicht mehr möglich, auf Frauen zuzugehen und sie zu einem Kaffee einzuladen, denn dies wird uns als Anmache ausgelegt.“ „Also gut“, sagt daraufhin Anna, „wollen Sie nicht mit uns einen Kaffee trinken gehen?“
Literatur:
Decurtins, L., Gekränkt, ausgenommen und ausgeschlossen. In: NZZ 14./15.4.2001
Erhart, W., Herrmann, B., (Hrsg.), Wann ist der Mann ein Mann? Stuttgart 1997
Hollstein, W., Männlichkeit in der Revision. In: NZZ 14./15.4.2001
Violi, E., Wie neu sind die “neuen Männer”? In. NZZ 14./15.4.2001
Zulehner, P.M., Volz, R., Männer im Aufbruch. Ostfildern 1998
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